Die Vierung

Als eine Vierung (abgeleitet von Quadrat) bezeichnet man ein Steinergänzungsstück an architektonischen Bauteilen oder Skulpturen. Bei der Restaurierung wird eine Fehlstelle mit einem Vierungsstück geschlossen. Dadurch wird beispielsweise die der ursprüngliche Abwicklung eines Profils wiederhergestellt. Der Einbau von Vierungen kann auch dem Erhalt der statischen Standsicherheit eines Bauteils dienen. Gelegentlich werden auch neue Bauteile mit Vierungen versehen. Derartige Vierungen kommen meist dann zum Einsatz, wenn Massivwerkstücke natürliche Fehlstellen aufweisen, beispielsweise große Tongallen in Sandsteinen.

Vierung schwalbenschwanzförmig
Schwalbenschwanzförmige Vierung an einer Stufenvorderkante in Venedig, Kalkstein Rosso Verona

Bei Werkstücken, die hohen mechanischen Belastungen ausgesetzt sind, können Vierungen auch schwalbenschanzförmig ausgebildet sein. Dies dient der besseren Verzahnung, beispielsweise an Stufenvorderkanten. Die Anfertigung von Vierungen ist eine handwerkliche Tätigkeit. Sie wird sowohl vom Steinmetz als auch vom Steinbildhauer ausgeführt.


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Ergänzungsmaßnahmen – Reparatur von Teilpartien durch Vierungen

Die Fehlstelle an einem Bauteil wird händisch mit entsprechenden Steinmetzwerkzeugen rechtwinkelig zu einer Vierungsstelle ausgearbeitet. Die morbide Substanz wird entfernt, zu beachten ist, dass der Substanzverlust so gering wie möglich ausfällt. Anschließend wird ein entsprechend millimetergenaues formschlüssiges Vierungsstück aus Naturstein angefertigt und mit Versetzmörtel oder Kleber eingesetzt. Ob die Vierung winklig ausgebildet wird oder dem Verlauf der Schadstelle folgt ist objekt- und situationsbezogen zu entscheiden.
Zum Einbau der Vierung werden heute meist hydraulische und kunststoffvergütete Mörtel oder Reaktionsharze benutzt. Silikatkleber sind bei Sandsteinen eine Alternative. Früher verwendete man Schellack, Kollophonium und Schwefelkitt. Beim Einbau sind Hohlräume zu vermeiden. Das Bindemittel kann aufgetragen oder eingegossen werden.
Wenn möglich ist die Vierung schwalben-schwanzförmig auszuführen, um ein Herausfallen zu verhindern, eine solche Vierung hält im Prinzip auch ohne Mörtel. Bei Bedarf erfolgt eine Verankerung mit V4A-Edelstahl.
Gegebenfalls erforderliche Nacharbeiten müssen sich auf die Oberfläche der Vierung beschränken, angrenzende Substanz darf nicht beschädigt werden. Eine Vierung soll keinesfalls vorhandene Fugen überbrücken.

Vierungen im historischen Waldschlößchen in Dresden
Gewände und Balkonbrüstung mit glatten und profilierten Vierungen, Elbsandstein, Cottaer und Postaer Varietäten, Historisches Waldschlösschen, Dresden

Die Vierung muss in ihren chemisch und physikalisch-technischen Eigenschaften (Dichte, Porosität, Druckfestigkeit) und dem optischen Erscheinungsbild (Farbe, Körnung, Textur) mit dem zu ergänzenden Werkstein weitestgehend übereinstimmen. Besonders bei Sedimentgesteinen ist die vorgegebene Lagerung des Gesteins zu beachten.
In Abhängigkeit vom denkmalpflegerischen Konzept können die mit Vierungen restaurierten Bereiche an die Farbigkeit der historischen Substanz angeglichen werden. Es besteht die Gefahr, dass die aus neuem Material eingebauten Vierungen sich negativ auf das Gesamtbild auswirken. Es bietet sich die Möglichkeit die Oberflächen mit Silikatfarbe zu lasieren oder mit Silikatkreide trocken nachzutönen, welche mit einem Festiger fixiert wird. Wird die Entscheidung gefällt die Reparatur sicht- und nachverfolgbar zu belassen, so erfolgt die Anpassung der farblichen Erscheinung der Oberfläche nur langsam durch die natürliche Verwitterung.
Da aufgrund der erforderlichen Rechtwinkeligkeit bei der Ausarbeitung der Vierungsstelle immer ein Eingriff in die vorhandene Bausubstanz erfolgt sind bei bedeutsamen kunsthistorischen Werken die notwendigen Ergänzungsmaßnahmen mit Vierungen sorgfältig abzuwägen. In diesen Fall sowie bei kleinen Fehlstellen ist durch mineralisch-, bauharz- oder kieselgelgebundene Restauriermörtel zu ergänzen.

Dipl.-Ing. Markus Sandner
Architekt, Steinmetz- und Steinbildhauermeister, Restaurator
Email: m.sandner@sandner-architekten.de
Website: www.sandner-architekten.de

Beitrag erstellt am 18.7.2019